Was Pornos über unsere Wünsche verraten (und was nicht)

Welche Szenen uns auf dem Bildschirm erregen, hat wenig mit unseren echten Wünschen zu tun. Warum Porno-Vorlieben trotzdem Beziehungen belasten können – und was dagegen hilft.

„Vor drei Tagen habe ich mit meinem Freund Malte zum ersten Mal über Pornos geredet. Ich war einfach neugierig und dachte, wir könnten das teilen. Ich habe ihm erzählt, was ich schaue – Lesben-Sex zum Beispiel. Irgendwie ist das Gespräch dann in eine ganz doofe Richtung gelaufen: Als er gesagt hat, dass seine Lieblingskategorie „große Brüste“ sei, hat mich das total verunsichert. Kann er mich überhaupt begehrenswert finden?“

Tara, 32 (Name geändert)

Erstmal: Danke an Tara, dass sie diese Frage gestellt hat – und mit ihrem Freund in die Beratung gekommen ist. Denn das, was so banal anfing, ist eine ziemlich vertrackte Situation. Erst geht es „nur“ um Pornos. Und dann plötzlich um die Frage: Bin ich gut genug für dich?

Fangen wir mit dem Missverständnis an, das mir oft begegnet: „Was uns im Porno erregt, ist das, was wir uns wünschen.“ Das stimmt so nicht. Was uns auf dem Bildschirm anmacht, wollen die meisten nicht im echten Leben nachspielen. Es ist ein bisschen wie mit Actionfilmen. Niemand würde einen Menschen, der gerne Actionfilme schaut, fragen: „Willst Du dir übermorgen eine Wagenladung Maschinengewehre anschaffen?“ Der Film ist Unterhaltung. Visuelle Stimulation. Ein Reiz, der im Kopf funktioniert, aber nicht im Leben.

Aber warum uns erregen Pornos – selbst wenn wir in einer glücklichen Beziehung sind und unsere Partnerperson sexy finden? Die Antwort steckt in unserer Biologie. Unser Gehirn gewöhnt sich an wiederkehrende Reize. Was anfangs unglaublich aufregend war – ein Körper, eine Berührung, ein bestimmter Blick –, wird mit der Zeit vertraut. In der Sexualforschung gibt es dafür einen schönen Begriff: den Coolidge-Effekt. Neues ist erregend, Bekanntes beruhigt. Das ist kein Defekt und kein Grund zur Panik. Das ist einfach, wie wir ticken. Und genau hier sind Fantasien nützlich. Fantasien sind so etwas wie ein Erregungsbooster: Sie bringen Neuheit in den Kopf, ohne dass es einen realen Partnerwechsel braucht. Sie sind mentale Szenarien, die stimulieren. Pornos können ein Teil davon sein.

Das war weder Tara noch ihrem Freund bewusst, als sie das Porno-Gespräch begonnen haben. Für sie war es Neugier, für ihn Ehrlichkeit. Tara fragte, und Malte antwortete. Dann wurde es kompliziert – weil Tara seine Antwort auf sich bezog. Seine Vorliebe machte sie unsicher.

In der Praxis habe ich Malte nochmal gefragt, was er mag. In Pornos. Er zögerte. Dann sagte er: „Ich finde große Brüste schon attraktiv. Auch in echt. Das ist einfach so.“

Genau an diesem Punkt wollten beide aufhören zu reden. Tara verschränkte die Arme, Malte schaute weg. Verständlich – denn der Satz stand im Raum wie eine Wand. Aber dieser Moment ist entscheidend: Wer dann das Gespräch abbricht, bleibt mit dem schlimmsten Szenario im Kopf sitzen. Und das ist fast nie die Wahrheit.

Deswegen habe ich weitergefragt. Ganz einfach: Wie gefällt Ihnen Tara? Die Antwort kam sofort. Malte mochte ihren Körper. Er fasste sie gern an, sagte er. Und er fände sie sexy: „Tara und Porno – das sind doch ganz verschiedene Dinge.“

Als ich Tara fragte, was genau sie verletzt hatte, wurde klar: Es ging nicht darum, ob Malte große Brüste attraktiv fand. Ihre Angst war, dass er mit ihren Brüsten unzufrieden war. Dass sie ihm nicht genug war. Und diese Angst ist nachvollziehbar – denn die Bilder, die wir in Pornos sehen, sind im Grunde unerreichbar. Perfekte Körper, reibungslose Abläufe, garantierte Lust. Wenn wir anfangen, uns daran zu messen, wird es schwierig.

Tatsächlich gibt es wissenschaftliche Belege dafür, dass Pornos unser Körperbild beeinflussen können. Ein Forschungsteam hat 2022 in einer großen Übersichtsstudie[1] untersucht, wie Pornokonsum und Selbstwahrnehmung zusammenhängen. Das Ergebnis: Wer häufig Pornos schaute, war tendenziell unzufriedener mit dem eigenen Körper – dieses galt für alle Menschen.

Wichtig ist dabei: Pornos zerstören nicht automatisch das Körperbild. Aber sie können ein Umfeld schaffen, in dem Vergleiche entstehen – und in dem inszenierte Körper zum Maßstab für echte werden. Dieses gilt allerdings nicht nur für Pornos sondern kann auch auf alle Medien angewandt werde. Gerade in Beziehungen können diese medialen Darstellungen ziemlich stark verunsichern. In Bezug auf Pornos heisst das, sie müssen kein Problem sein – aber sie haben das Potential dafür.

Hellhörig werde ich, wenn Pornos reale Intimität ersetzen. Wenn der Bildschirm im Bett den Menschen ersetzt. Oder wenn die Bilder dazu führen, dass Partner an inszenierten Körpern gemessen werden: Dann ist es Zeit, den Blick bewusst zu verändern. Weg vom Bildschirm, hin zum Leben.

Außerdem darf jeder Mensch entscheiden, ob er oder sie Porno-Vorlieben wirklich teilen möchte. Viele meiner Klienten tun es bewusst nicht – und das ist völlig in Ordnung. Auch in Beziehungen dürfen Dinge privat bleiben. Das ist keine Heimlichtuerei – das ist sinnvoll. Denn es gibt einen Unterschied zwischen Privatsphäre und Heimlichkeiten. Privatsphäre bedeutet: Ich behalte etwas für mich, weil es mir gehört. Heimlichkeiten bedeuten: Ich verstecke etwas, weil ich Angst vor den Konsequenzen habe. Heimlichkeiten können belastend werden. Privatsphäre ist gesund.

Tara und Malte waren sich am Ende der Stunde einig: Sie wollten keine Porno-Vorlieben mehr teilen. Das gehörte ab jetzt in die Privatsphäre. Stattdessen wollten sie sich lieber sagen, was sie aneinander mochten und miteinander tun wollten – in echt.

UND NUN SIND SIE DRAN

Setzen Sie sich gemeinsam hin. Benennen Sie drei Dinge, die Sie am anderen mögen – am Körper, aber auch an Gesten oder Charakterzügen. Keine Floskeln, sondern Konkretes: Ein bestimmter Blick. Die Art, wie Hände zugreifen. Wie jemand Kaffee macht. Hören Sie einander zu, ohne zu kommentieren – und lassen Sie die Worte wirken.


[1] Georgios Paslakis, Carolina Chiclana Actis & Gemma Mestre-Bach (2022): Associations between pornography exposure, body image and sexual body image: A systematic review. Journal of Health Psychology, 27(3), 743–760. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33107365/

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