Sex darf auch ohne eine andere Person stattfinden
Über Sinn und Lust von Selbstbefriedigung – und warum Solo-Sex so gut für Körper und Geist ist. Eine Kolumne.
Von Carsten Müller
„Ich bin verheiratet und habe eigentlich auch gern Sex mit meinem Mann. Aber mich selbst anzufassen – das geht irgendwie nicht. Ich habe noch nie Selbstbefriedigung ausprobiert. Das war für mich immer ein Tabu, weil ich so erzogen wurde, dass man sich da unten nicht anfasst. Aber neulich hat eine Freundin von mir ganz offen erzählt, dass sie sich selbst befriedigt. Sie hat sich sogar ein spezielles Sex-Toy dafür gekauft — unvorstellbar für mich. Selbstbefriedigung ist doch wie Fremdgehen, oder etwa nicht?“
(Violeta, 34*)
Willkommen im Dschungel der Mythen und Glaubenssätze, die rund um das Thema Selbstbefriedigung wuchern. „Das tut man nicht“ ist vergleichsweise harmlos. Generationen wurde weisgemacht, dass bei der Selbstbefriedigung irgendwas von den Händen abfalle, nach tausend Schuss Schluß sei oder häufige Masturbation die Denkleistung schwäche. In China sind laut einer Studie[1] mit 1645 Highschool-Studentinnen und Studenten sogar die Irrglauben verbreitet, dass Samenergüsse, die durch die eigene Hand herbeigeführt werden, die Lebensdauer verkürzen. Und dass sich weiblicher Solo-Sex negativ auf die Qualität der Eizellen auswirke.
Nichts davon stimmt. Solo-Sex ist auch nicht gleich Fremdgehen. Im Gegenteil. Selbstbestimmter Solo-Sex ist durchaus positiv zu sehen, und es gibt viel gute Gründe dafür. Ich möchte die Masturbation hier einmal ganz bewusst mit Dingen vergleichen, die wir ganz selbstverständlich ohne unseren Partner oder unsere Partnerin machen – weil sie uns einfach gut tun. Zum Beispiel, wenn wir Musik mit Kopfhörern genießen. Oder einen relaxten Friseur-Besuch, eine Runde Joggen im Park oder einen entspannenden Wellness-Abend. All das wirkt sich positiv auf unser Wohlbefinden und damit auch auf unsere Beziehungen aus.
Warum also nicht auch Sex alleine haben? Falls es Hemmungen gibt, dann macht es Sinn, genau hinzuschauen. Wo kommen sie her – und wie gelingt es, sich davon zu lösen? Meine Klientin Violeta hatte als Vorschul-Kind eine Situation erlebt, in der die Eltern mit großen Ärger und Druck reagierten, weil sie sich selbst angefasst hatte. Ihr Verständnis von Sexualität war seitdem geprägt von der Vorstellung, dass Lust nur mit dem Partner erlebt werden darf.
Dabei geht es bei der Selbstbefriedigung auch darum, den eigenen Körper kennen zu lernen und zu erfahren, was ich persönlich gut finde. Wie fühlt sich für Männer die Prostatastimulation während des Onanierens an? Wie ist es für Frauen, wenn sie ihre Brustwarzen dabei streicheln? Ist es unangenehm oder steigert es die Lust, wenn ich bei der Selbstbefriedigung stöhne? Wenn ich all das weiß, kann auch meine Partnerin oder mein Partner davon profitieren.
Solo-Sex hat eine ganze Reihe von weiteren Vorteilen. Masturbation ist ein Garant für lustvolle Höhepunkte, denn wir wissen selbst am besten, was dort hin führt.
Mit jedem Orgasmus schütten wir eine Extraportion der Botenstoffe Dopamin, Endorphin und Oxytocin aus. Sie bringen Glücksgefühle und aktivieren das Belohnungszentrum im Gehirn. Das sogenannte Kuschelhormon Oxytocin fördert Beziehungen: Beim Sex mit Partner ist es gut für die Bindung, beim Solo-Sex für die Selbstliebe.
Masturbation ist wie Sport. Wenn wir selbst Hand an uns legen, fördern wir das Herz-Kreislaufsystem auf entspannte Art. Gerade um morgens in die Gänge zu kommen ist Solo-Sex ideal. Im Liegen fahren wir den Kreislauf sanft hoch, die sexuelle Erregung steigert den Herzschlag, und beim Orgasmus erreicht die Anzahl der Schläge pro Minute ihren Höhepunkt. Beim Liebesspiel, ob nun alleine oder zu zweit, wird außerdem Stickstoffmonoxid ausgeschüttet, das die Gefäße schützt.
Solo-Sex reduziert darüber hinaus Schmerzen und entkrampft. Bei Migräne, Regel- oder Rückenschmerzen wirkt ein Orgasmus krampflösend, und die ausgeschütteten Glückshormone lindern auf natürliche Weise den Schmerz. Für Männer ist Solo-Sex noch auf eine andere Weise gesundheitlich förderlich. Das Risiko für Prostatakrebs soll durch regelmäßige Ejakulationen deutlich reduziert werden, so das Ergebnis einer britischen Studie zum Zusammenhang von sexueller Aktivität und Prostatakrebs-Risiko bei jungen Männern.[2]
Dass sexuelle Aktivität den Körper jung hält, wird oft behauptet – tatsächlich spricht vieles dafür, dass das auch für Solo-Sex gilt. Befriedigt sich ein Mann selbst, produziert er Testosteron. Beim Masturbieren der Frau wird die Östrogenproduktion angekurbelt. Beide Hormone sorgen dafür, dass wir jünger und fitter wirken. Auch auf die körpereigene Abwehr hat Sexualität und damit auch der Solo-Sex günstige Auswirkungen. In einer Studie mit College-Studentinnen und Studenten[3] konnten die Forscher Carl J. Charnetski und Francis S. Brennan bei jenen, die mindestens ein- bis zweimal pro Woche sexuell aktiv waren, ein deutlich höheres Level des schützenden Immunoglobulin A nachweisen.
Jede und jeder darf sich also den Freiraum nehmen, Solo-Sex zu praktizieren – wobei eine bewusste Entscheidung dagegen selbstverständlich auch in Ordnung ist. Der nächste Schritt wäre, darüber mit dem Partner oder der Partnerin zu sprechen. Manche Paare sind diesbezüglich zurückhaltend. Aus unterschiedlichen Gründen: Den einen fällt es schwer, etwas für sich selbst einzufordern. Andere sehen in der kommunizierten Selbstbefriedigung ein Verletzungspotential. Sie nehmen an, dass sie Partnerin oder Partner ein schlechtes Gefühl mitgeben, wenn sie sich selbst befriedigen. Doch vieles davon löst sich auf, wenn wir den Weg finden, miteinander ins Gespräch zu kommen.
Meine Klientin zum Beispiel war überzeugt, ihr Mann würde es richtig schlimm finden, wenn sie masturbieren würde. Deswegen habe ich angeregt, dass sie ihn fragt. Seine Antwort war sehr klar: Er fand es völlig in Ordnung. Seine Absolution war hilfreich, wenn auch für sich genommen nicht ausreichend. Die Haltung von Violetas Eltern und der Einfluss ihrer Erziehung hatten so viel Gewicht, dass es die Ermunterung von Freundinnen, dazu die Aussage ihres Mann und obendrein das Empowerment in unserer Beratung brauchte, bis sie bereit war, ihren Körper im Alleingang zu erkunden – und dabei Lust zu empfinden.
UND NUN SIND SIE DRAN
Mit welchen Glaubenssätzen sind Sie in Bezug auf Selbstbefriedigung oder Solo-Sex aufgewachsen? Schreiben Sie alles auf, was ihnen einfällt. Streichen Sie durch, was Sie mit einem sicheren Gefühl ins Reich der Mythen und Legenden packen können. Sollte etwas übrig bleiben, dessen Wahrheitsgehalt Sie nicht ergründen können, schreiben Sie mir.
[1] https://www.smoa.jsexmed.org/article/S2050-1161(22)00014-9/pdf
[2] https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/19016689/
[3] https://journals.sagepub.com/doi/10.2466/pr0.94.3.839-844

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