Mein Kind ist homosexuell – und jetzt?

Wenn das Kind sich als schwul, lesbisch oder queer „outet“, stehen Eltern vor vielen Fragen. Wie sie Sicherheit vermitteln, Vertrauen aufbauen, die Entscheidung wertschätzen – und warum Unterstützung lebenswichtig sein kann.

Von Carsten Müller

„Neulich kam unser Sohn zu uns. Er ist 15. Ich habe ihm direkt angesehen, dass er etwas auf dem Herzen hat. Dann hat er sich geoutet: Mama, Papa, ich steh auf Jungs. Mein Mann und ich waren überrascht, haben aber gesagt, dass wir das in Ordnung finden. Dann habe ich angefangen, ihm Fragen zu stellen, zum Beispiel, ob er einen Freund hat. Er sagte, das sei seine Sache und ging in sein Zimmer. Seitdem haben wir nicht mehr miteinander geredet und jetzt fragen wir uns: Wie können wir ihn bei seinem Outing unterstützen?

Valerie, 42 und Luis, 41*

Ein Outing, und dann? Vielleicht war das erste Gespräch aus Ihren Augen ein Fehlstart, vielleicht sollte es aber auch gar kein Gespräch geben sondern die Eltern sollten einfach „nur“ die Information bekommen. Wie man am besten reagiert ist höchst individuell und das eine richtig gibt es nicht. Vielen Eltern schießen in so einem Moment alle möglichen Gedanken durch den Kopf: Mobbing, Familie, Geschlechtskrankheiten, andere Unsicherheiten.

Viele Eltern, die zu mir kommen, denken wie Valerie und Luis. Sie wollen wissen, wie sie ihr Kind unterstützen können. Manchmal erlebe ich andere Eltern, die vor allem mit sich selbst beschäftigt sind oder sich sogar darüber beklagen, in welche schwierige Situation ihr Kind sie gebracht hat. Dabei geht es in dieser Situation gar nicht um sie.

Eltern sind für ihre Kinder verantwortlich, nicht umgekehrt. Valerie und Luis haben direkt Verantwortung übernommen – indem sie Hilfe in der Beratung gesucht haben. Für die erste Stunde hatten sie eine Liste mit Dingen gemacht, die sie beschäftigten. Die Sorge, dass ihr Sohn diskriminiert werden könnte. Die Frage, ob sie es jetzt der ganzen Familie erzählen sollen. Und die Überlegung: Was hätten wir sagen können, damit er sich besser fühlt? Wichtig war, dass die Eltern nicht all diese Themen auf Ihr Kind gestülpt haben sondern sie bei sich gelassen haben und sich Unterstützung geholt haben. 

Die Unterstützung der Eltern ist lebenswichtig beim Outing. Das meine ich wörtlich. Denn Jugendliche, die eine andere sexuelle Orientierung haben – also homosexuell oder einfach nicht heterosexuell sind – haben ein signifikant höheres Suizidrisiko. Das liegt nicht an der sexuellen Orientierung, sondern an Ausgrenzung und Abwertung. Es gibt zahlreiche Studien, die diese Zusammenhänge belegen [1]. In einer Studie amerikanischer Wissenschaftler mit 1790 College-Studenten wurde untersucht, ob die Unterstützung durch die Eltern das Suizidrisiko verringern kann. Ergebnis: Wenn Jugendliche elterliche Unterstützung erfahren, hat dies deutlich messbare positive Auswirkungen auf ihr psychisches Wohlbefinden [2].

Zurück zum Anfang. Der Jugendliche outet sich. Und die Eltern? Wie wäre es mit diesem Satz: „Danke, dass du uns das anvertraust.“ 

Denn Vertrauen ist entscheidend. Schließlich geht es nicht um eine Fünf in Mathe, sondern um tiefe Emotionen. Ein Outing vor den Eltern bedeutet, dass das Kind eine Liebesversicherung braucht. Die unausgesprochene Botschaft lautet: „Ich bin homosexuell- aber kann ich weiter auf euch zählen?“ Hier ist eine wirklich gute Antwort der Eltern gefragt. Sie kann in etwa so lauten: „ Wen Du liebst und mit wem Du Sex hast, ändert nichts daran, wie wir Dich lieben. Du kannst Dein Leben so leben, wie Du willst – und wir werden Dich unterstützen.“

Manche Eltern haben das dringende Bedürfnis, ihren Freunden vom Outing ihres Kindes zu erzählen. Moment – mal kurz die Stop-Taste drücken! Ich rate Eltern, das nicht eigenmächtig zu entscheiden, sondern ihr Kind zu fragen. Will es wirklich, dass die Freunde der Eltern wissen, dass es homosexuell ist – oder soll das erst einmal vertraulich bleiben?

Eltern haben eine große Verantwortung, mit der Information, dass ihr Kind homosexuell ist, gut umzugehen: Stellen Sie sich vor, das Kind wäre heterosexuell. Würden sie dann ihren Freundinnen erzählen, dass ihr Sohn auf Mädchen steht? Wahrscheinlich nicht. Außerdem: Jeder Mensch möchte selbst entscheiden, wer etwas über seine sexuelle Orientierung  erfährt. Das ist ein wichtiger Teil der sexuellen Selbstbestimmung. Respektieren Sie es, wenn jemand nicht über seine Sexualität sprechen möchte. Die Schule muss es nicht wissen, die Freunde nicht und der Großonkel schon gar nicht. Wenn Sie das Bedürfnis haben zu reden, informieren Sie ihr Kind darüber, dass sie sich externe Unterstützung holen.

Aber bei Familienfesten dürfen Eltern gern über Homosexualität im Allgemeinen sprechen. Und zwar dann, wenn jemand sich negativ äußert. Eltern sind nach dem Outing eines Kindes noch mehr als ohnehin in der Verantwortung, für den Schutz dieser Gruppe von Menschen einzustehen. Wenn der komische Onkel mal wieder einen blöden „Schwulen-Witz“ macht, dann ist es ihre Aufgabe, sehr deutlich zu sagen: „Lass das!“ Dann erlebt ein Jugendlicher: Meinen Eltern ist das nicht egal. Die stehen für Menschen ein. Die zeigen Haltung – im Zweifelsfall auch für mich.

Ansonsten wäre mein Tipp, Homosexualität nicht zum Dauerthema im Alltag zu machen. Widerstehen Sie der Versuchung, jede Nachricht oder Filmszene zu kommentieren. Das kann nämlich hart nerven. Ihr Kind wird auch so das Vertrauen haben, dass es ihnen erzählt, wenn etwas passiert. Wenn Sie sichergehen wollen, dass Sie Ihren Sohn oder Ihre Tochter dann nicht mit ungebetenen Ratschlägen überhäufen, fragen Sie einfach: Willst du meine Meinung dazu hören?

Zurück zu Valerie und Luis. Sie wollten wissen, wie sie mit ihrem Sohn ins Gespräch kommen. Sollen sie ihm Literatur schenken? Oder mit ihm darüber reden, ob er wirklich sicher ist? Von schwulen Freunden erzählen? Das Leben anderer als Aufhänger nehmen, um über Homosexualität zu plaudern? 

Ich sage: Nichts davon. Ihr Sohn wird längst ein Experte sein. Er wird sich mit dem Thema und allem, was dazu gehört, auseinandergesetzt haben. Er wird nicht leichtfertig mit diesem Thema umgehen. Wenn Sie mit ihm reden wollen, schaffen sie zuerst einen Rahmen. Fragen sie ihn, wann und wo es ihm passt. Und dann ist ein guter Einstieg: „Was brauchst du jetzt von uns?“

Beim zweiten Besuch in der Praxis erzählten Luis und Valerie, dass das zweite Gespräch gut verlaufen sei. Ihr Sohn hatte sich eigentlich nur eines gewünscht: dass seine Eltern niemandem erzählen, dass er schwul ist. Das konnten Valerie und Luis akzeptieren. Sonst gab es nicht viel. Es gab keinen Jungen, in den er verliebt war. Er wollte nur, dass seine Eltern es wissen. Für ihn war es wichtig, sein sexuelle Orientierung zu benennen – als Teil einer Selbstfindung. Um dann aktiv flirten zu können und nichts verstecken zu müssen. 

JETZT SIND SIE DRAN

Wann gibt es Situationen, in denen in ihrem Alltag Menschen auf Homosexuelle oder Trans-Personen schimpfen oder Witze über sie machen? Hören Sie ein paar Tage genau hin. Suchen Sie eine Gelegenheit, Haltung zu zeigen. Manchmal hilft eine Reaktion, um Menschen dazu zu bringen, ihr Verhalten zumindest zu überdenken.



 [1] Miranda-Mendizabal, A., Castellví, P., Parés-Badell, O., Almenara, J., Alonso, I., Blasco, M., Cebria, A., Gabilondo, A., Gili, M., Lagares, C., Piqueras, J., Roca, M., Rodríguez-Marín, J., Rodríguez-Jiménez, T., Soto-Sanz, V., Vilagut, G., & Alonso, J. (2017). Sexual orientation and suicidal behaviour in adolescents and young adults: systematic review and meta-analysis. British Journal of Psychiatry, 211, 77 – 87. https://doi.org/10.1192/bjp.bp.116.196345.

 [2] Pérez-Albéniz, A., Lucas‐Molina, B., & Fonseca-Pedrero, E. (2023). Parental Support and Gender Moderate the Relationship Between Sexual Orientation and Suicidal Behavior in Adolescents.. Psicothema, 35 3, 248-258 . https://doi.org/10.7334/psicothema2022.325.

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