Viele Menschen freuen sich auf Sex im Urlaub. Bloß kann der an 35 Grad und spitzen Kieseln scheitern. Es sei denn, Paare haben einen gut gepackten Sex-Koffer dabei.
„Nächste Woche fahren wir nach Frankreich, und eigentlich freuen wir uns sehr. Denn Urlaub bedeutet für uns auch Sex: Wir haben beide im Sommer einfach mehr Lust als sonst, und die Kinder sind in der Betreuung. Aber diesmal wird’s irre heiß, fast 40 Grad. Wir fragen uns, ob dann was läuft? Neulich hatten wir hier in der Stadt ein paar heiße Nächte und haben uns vor lauter Schwitzen nicht mal berührt! Wie soll das erst im Urlaub werden?“
Carla mit Jannis (Namen geändert)
Bringen wir das Sommer-Dilemma auf den Punkt: Sonne macht Lust, Hitze schlapp.
Die Wirkung der Hitze spüren wir, und die aphrodisierende Kraft der Sonne ist recht gut erforscht: Wissenschaftler in Tel Aviv fanden heraus, dass UV-Licht auf der Haut die Produktion von Sexualhormonen ankurbelt. Labor-Mäuse wurden brünftig, und bei den menschlichen Studienteilnehmenden ging mehr Sonne mit mehr „romantischem Verlangen“ und höheren Testosteron-Werten einher.[1]
Wenig Textil, viel Haut, mehr Licht sind also eigentlich optimale Voraussetzungen für mehr Verlangen. Dann jedoch kommt die Realität und haut voll rein. Mit tropischen Nächten, in denen wir kaum schlafen – schon gar nicht miteinander. Mit Temperaturen, die den Körper in den Ruhemodus zwingen. Geht da noch was, oder geht da nichts mehr?
Die Ausgangslage in meiner Praxis ist meist simpel: Fast alle Paare wollen Sex im Urlaub. Egal, in welchen Krisen sie sonst stecken oder mit welchen Themen sie herkommen der Urlaubssex gehört für viele Menschen dazu. Wie leckeres Essen, ein schöner Ort oder das Lieblings-Urlaubsoutfit. Deswegen empfehle ich: Packen Sie einen Sex-Koffer für den Urlaub. Genauso selbstverständlich, wie Sie Schnorchel, Sonnencreme und Reiseapotheke einpacken. Genauso sorgfältig, wie Sie im Internet zum Urlaubsort recherchieren. Der gelungene Urlaub fällt nicht vom Himmel. Auch Sex im Urlaub wird besser, wenn Sie ihn vorbereiten.
Und damit sind wir beim Sex-Koffer. Der hat keinen Griff, nimmt keinen Platz weg und wiegt nichts. Denn wir füllen ihn nicht mit Sextoys oder Spitzenwäsche, sondern mit Gesprächen und Gedanken.
Wir beginnen mit zwei Fragen. Erstens: Was ist eigentlich unser Anspruch? Soll im Urlaub mehr oder etwas anderes passieren als zu Hause – und wenn ja, was genau? Zweitens: Welche Wünsche haben wir für die gemeinsame Sexualität im Urlaub?
Carlas und Jannis Anspruch: Sie wollten auf jeden Fall mehr Sex haben als zu Hause. Das aus- und anzusprechen finden übrigens viele Paare hilfreich, weil sie sich dann auf einer Ebene fühlen oder mindestens schon mal über Erwartungen sprechen. Ja zum Sex! Wir freuen uns darauf! Bleibt die Frage: Wie geht das trotz Hitze?
Ich bin dafür, bei den Dingen anzufangen, die sowieso zum Sommeralltag gehören. Die lassen sich so gestalten, dass sie eine Tür zur Lust aufmachen. Wir können uns gegenseitig mit Sonnenschutz eincremen. Oder abends zusammen unter die kühle Dusche steigen. Oder dem Lieblingsmenschen Aftersun auf die geröteten Schultern streichen. Aus ganz beiläufiger Körperlichkeit kann sich mehr entwickeln, muss aber nicht. Und wenn sogar Berührung zu viel ist, kann es eine Option sein, nebeneinanderzuliegen und sich beim Solo-Sex zuzusehen. Das ist nicht schlechter, sondern einfach Sex, der umständehalber anders aussieht.
Der Sex-Koffer wird noch interessanter, wenn Menschen mit Fantasie packen. Vielleicht nehmen sie die Idee mit, sich gegenseitig mit Eiswürfeln zu streicheln. Ein Paar, das das ausprobiert hat, hat mir berichtet: Es sei der aufregendste Sex-Moment des Urlaubs gewesen.
Kommen wir jetzt zur zweiten großen Kofferpack-Frage: Was wünschen Sie sich? Als ich Carla diese Frage gestellt habe, sagte sie spontan: „Sex im Wasser!“ – davon träume sie schon lange. „Hm“, sagte Jannis, und ich merkte, dass er Zweifel hatte.
Die Fantasie ist großzügig, die Realität weniger. „Sex im Wasser“ klingt traumhaft – bis wir über die konkrete Umsetzung nachdenken: in welchem Wasser? Der Hotelpool fällt in der Regel aus. Der Strand gehört bis abends den Familien, danach den Mücken. Und im Meer steht man selten so, wie man möchte, sondern treibt umher wie eine Qualle oder balanciert auf Kieseln, die pieksen. Manchmal lautet die ehrlichste Vorbereitung deshalb: Badeschuhe einpacken. Oder den Wunsch verschieben – Wasser gibt es ja auch woanders, zum Beispiel unter der Dusche.
So startet der Urlaub mit Möglichkeiten, die entspannen. Wer einen Koffer voller Ideen für lustvolle Momente dabeihat, gerät nicht in Panik, dass die große Fantasie an der Hitze scheitert. Entspannte Menschen denken offener und finden auch bei 40 Grad einen Weg.
Carla und Jannis haben meine Praxis mit einem ziemlich vollen Koffer verlassen. Was sie in Frankreich ausgepackt haben, weiß ich nicht. Aber ich bin sicher, sie haben verstanden: Urlaubssex ist sowieso kein Muss und vor allem keine Penetrations-Pflicht. Er darf aus Aftersun auf Schultern bestehen, aus einer kühlen Dusche oder Eiswürfeln. Er darf anders sein. Und kann sich gerade deswegen richtig gut anfühlen.
UND NUN SIND SIE DRANPacken Sie vor Ihrer nächsten gemeinsamen Reise den Sex-Koffer. Beantworten Sie dafür die zwei Fragen – erst für sich, dann gemeinsam: Was ist unser Anspruch an die Sexualität im Urlaub? Und welche Wünsche bringe ich mit? Besprechen Sie die Wünsche – und kreieren sie dann konkrete, machbare Momente der Nähe.
[1] R. Parikh, E. Sorek, S. Parikh u. a. (2021): Skin exposure to UVB light induces a skin-brain-gonad axis and sexual behavior. Cell Reports, 36(8), 109579. https://doi.org/10.1016/j.celrep.2021.109579

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