Beziehungsstatus: Unerfüllte Liebe?

Wenn einer sich verliebt, aber der andere keine romantischen Gefühle empfindet – ist dann der radikale Kontaktabbruch die einzige Lösung? Nein, sagt Carsten Müller – es gibt auch einen Mittelweg.

„Ich bin verliebt. In meinen besten Freund. Wir kennen uns ewig, und lange Zeit hatten wir beide Partner. Dann kam diese Phase, in der wir beide Single waren. Wir hatten Sex, und danach habe ich gemerkt, dass ich verliebt bin. Ich habe es ihm gesagt, aber er erwidert meine Gefühle nicht. Ich weiß nicht, was ich jetzt tun soll. Soll ich den Kontakt komplett abbrechen? Das raten mir alle Leute in meinem Umfeld. Aber ist das wirklich die einzige Möglichkeit?“

Nina, 28* (Name geändert)

Als Nina zu mir kommt, ist sie ein Häufchen Elend. Verliebt, aber verunsichert. In regelmäßigem Kontakt mit ihrem Freund, doch voller Zweifel, ob das so weitergehen kann. Dazu die Ratschläge aus ihrem Umfeld, die sie beschäftigen: Warum tust du dir das an? Lass es einfach. Geh auf Abstand!

Warum eigentlich? Sobald es um Liebe geht, sehen viele Menschen nur noch schwarz und weiß. Dabei gibt es so viel Drumherum und Dazwischen. Sogar früher in der Schule stand auf dem Zettelchen, das wir unserer großen Liebe zugesteckt haben, neben „Ja“ und „Nein“ ein „Vielleicht“. Bei Erwachsenen ist dieses „Vielleicht“ plötzlich verschwunden. Wir verlangen bedingungslose Klarheit: Ja – oder Nein! Bloß kein Dazwischen! Dabei gibt es Momente im Leben, in denen ein „Vielleicht“ sehr hilfreich ist. Oder, um in der Farbwelt zu bleiben: ein Pastellton statt schwarz oder weiß.

Nina hatte ihren Freund im Büro kennengelernt. Arbeitskollegen, ohne romantische Absichten – aber mit einer engen, verlässlichen Freundschaft, die auch hielt, als sie den Arbeitgeber wechselte. Eine Freundschaft, die ihre jeweiligen Partner akzeptierten, weil sie nie eine Bedrohung war. Dann veränderte sich etwas: Trennung bei ihm, Trennung bei ihr. Beide plötzlich Single. Der Gedanke kam auf, der Freundschaft ein „Plus“ hinzuzufügen – ohne Liebe, so war die Absprache. Also hatten sie Sex. Guten Sex, mit viel Nähe, Vertrauen und Wertschätzung. Und bei ihr danach das Gefühl: Ich bin verliebt.

Wenn wir auf die Neurochemie schauen, ist es logisch, dass Sex verliebt macht. Lust, Anziehung und Bindung sind Prozesse im Gehirn – und sie befeuern sich gegenseitig. Sex kann romantische Gefühle verstärken, weil dabei Botenstoffe wie Dopamin und Oxytocin ausgeschüttet werden – als eine Art Belohnung, die Nähe und Bindung noch attraktiver machen.[1] Unser Gehirn liebt das. Wenn – wie bei Nina – ohnehin schon eine vertrauensvolle Verbindung besteht und man sich beim Sex wirklich gesehen fühlt, kann ein Gefühl entstehen, das viele Menschen als Liebe definieren.

Zurück zu Nina. Sie hatte gehofft, dass ihr Freund sich auch verliebt hatte. Das war aber nicht der Fall. Also vereinbarten sie, den Sex zu beenden – vernünftig. Nina hatte erwartet, dass das Liebesgefühl mit der Zeit verschwinden würde – verständlich. Aber es blieb. Tag für Tag, Woche für Woche. Und das tut weh.

Und noch etwas kam dazu: Nina fühlte sich schuldig. Sie hatten sich doch vor dem Sex geeinigt, dass sie keine Liebesbeziehung wollten. Jetzt hatte Nina das Gefühl, die Verabredung nicht eingehalten zu haben. Als ihr Freund ihr nun regelmäßig von Dates mit anderen Frauen erzählte, schwieg Nina. Aus Angst, die Freundschaft zu verlieren. Aber gleichzeitig litt sie. Weil sie ja verliebt war. Aus einer Freundschaft, die jahrelang gut funktioniert hatte, war ein emotionales Kuddelmuddel geworden.

Wenn Menschen in so einer Situation zu mir kommen, frage ich gezielt nach, wie der Kontakt zur geliebten Person konkret aussieht. Wie regelmäßig gibt’s Kontakt? Läuft das in Form von verabredeten Treffen? Oder gibt es wiederkehrende Rituale?

„Wir schreiben uns jeden Tag ,Guten Morgen'“, erzählte Nina. Ein klassisches Ritual, wie es sonst eher Paare haben. Nina war sich dessen gar nicht bewusst, bis ich sie fragte, ob Außenstehende dieses Muster vielleicht als Paarritual sehen würden. Erst dann realisierte sie: Es gab immer wieder Momente, die sich anfühlten wie eine Beziehung – bloß ohne dass es eine war.

Die tägliche Dosis emotionale Nähe verstärkte bei Nina den Wunsch nach mehr. Denn im Gehirn greifen dabei wirksame Belohnungsmechanismen: Dopamin wird ausgeschüttet. Das Hirn registriert die Nähe als etwas Gutes und will die Situation wiederholen. Immer wieder. Das ist ein physiologischer Prozess – und trotzdem eine Phase, in der Menschen bewusst entscheiden müssen, wie es weitergeht.

Eine Möglichkeit wäre die Distanzierung. Traurig – weil sie das Ende einer langen, guten Freundschaft bedeutet hätte. Aber pauschal zu sagen, man dürfe keinen Kontakt mehr haben, weil die Gefühle nicht auf Gegenseitigkeit beruhen: Das halte ich für Quatsch.

Was stattdessen möglich ist: Akzeptanz. Ja, das geht: Ich akzeptiere das Gefühl, in einen Menschen verliebt zu sein, der diese Liebe nicht erwidert. Wir können das sogar beim Namen nennen: Beziehungsstatus – unerfüllte Liebe. Niemand muss einen Kontakt komplett abbrechen, nur weil zwei Menschen gerade nicht dieselben emotionalen Bedürfnisse haben.

Die Aufgabe, die dann bleibt, ist allerdings groß genug. Sie lautet: Setzt eure Freundschaft neu auf. Das klingt einfacher, als es ist. Denn während die Neurochemie im Gehirn noch im „Muss ich haben“-Modus läuft, sagt das bewusste Denken etwas anderes. Manchmal braucht es jemanden von außen – zum Beispiel einen Therapeuten – der dabei hilft, das auseinanderzuhalten. Was Nina brauchte, war vor allem eines: ein ehrliches Gespräch mit ihrem Freund. Ein Gespräch, das man auch in einer Liebesbeziehung führen würde. Denn auch eine Freundschaft ist eine Beziehung – mit allem, was dazugehört.

Nina führte dieses Gespräch. Sie offenbarte ihrem Freund, dass sie immer noch verliebt war. Sein erster Impuls war Verunsicherung: Was ist denn jetzt okay? Wie können wir noch befreundet sein? Genau diese Fragen sind wichtig, und sie verdienen eine ernsthafte Antwort. Auch wer die Gefühle des anderen nicht teilt, steht plötzlich vor einer Aufgabe: Wie gehe ich damit um, dass mir jemand seine Liebe gesteht? Was brauche ich, damit unsere Freundschaft trotzdem trägt?

Für Nina und ihren Freund war es neu, über diese Themen zu reden. Aber Nina hat sich getraut, weil ihr die Freundschaft wichtig war. Am Ende haben sie und ihr Freund gemeinsam neue Eckpfeiler für ihr Miteinander verhandelt. Ja zum Kontakt – aber mit etwas mehr Abstand. Keine morgendlichen Rituale mehr, die sich nach Paar anfühlen. Eine Freundschaft, die den aktuellen Umständen entspricht, statt reflexhaft das „Früher“ zu kopieren. Ja, ich weiß: Das ist kein perfektes Happy End. Aber es ist ehrlich. Und es gibt der Freundschaft eine neue Chance.

UND NUN SIND SIE DRANKennen Sie in Ihrem Leben eine Beziehung – ob Freundschaft, Bekanntschaft oder mehr –, in der die emotionalen Bedürfnisse der Beteiligten gerade nicht übereinstimmen? Überlegen Sie: Welche stillschweigenden Rituale oder Gewohnheiten gibt es in dieser Beziehung? Und welche davon entsprechen noch dem, was Sie wirklich möchten und brauchen?


[1] https://www.ijsrtjournal.com/article/Decoding-the-Neurobiology-of-Romantic-Love-Mechanisms-of-Attachment-Desire-and-Emotional-Bonding

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