Warum Sexpartys in unserem Kopf oft fantastischer sind als in der Realität – und weshalb ein überredetes „Ja“ ein „Nein“ zur Gemeinsamkeit bedeutet. Eine Kolumne.
Von Carsten Müller
„Neulich haben wir überlegt, auf eine Sexparty zu gehen. Das reizt uns. Freunde von uns haben das schon gemacht und fanden es super. Ich habe die Karten besorgt, aber dann hat meine Frau es sich plötzlich anders überlegt. Das fand ich schade, aber natürlich habe ich das akzeptiert. Irgendwie hat es uns aber nicht losgelassen. Jetzt sind wir hier, weil wir einen neuen Anlauf machen wollen.“
Stefane, 44 und Tatjana, 41
Sexpartys. Ein Experimentierfeld. Wie viele Menschen tatsächlich hingehen, ist unklar – verlässliche Zahlen gibt es nicht. In Umfragen finden viele Paare die Vorstellung reizvoll, aber ich bin sicher: im echten Leben ist der Schritt von der Couch in den Club riesig. Deswegen sitzen regelmäßig Paare wie Stefane und Tatjana in meiner Praxis. Sie wollen Sexparties ausprobieren, aber nicht die Beziehung riskieren. Für sie geht es vor allem um eins: Was können wir tun, damit die Sexparty eine positive Erfahrung wird, die uns verbindet – und nicht in die Krise führt?
Fangen wir vorne an: beim Wunsch. Ein Wunsch ist reine Fantasie, und in unseren Köpfen sind Sexpartys meist Hochglanz-Produktionen. Das Licht ist schummrig-perfekt, der Club ein Design-Traum, es duftet nach teurem Parfum und Wellness. In den Gängen wandeln wunderschöne Menschen, die wie durch Magie zur richtigen Zeit das Richtige tun. Alles kann, nichts muss, Lust pur.
Sorry, wenn ich jetzt ein Spielverderber bin: Das wird in den meisten Fällen nicht passieren. Realität ist keine Magie. Realität ist oft muffige Luft, abwischbare Kunstleder-Sofas, Menschen, die schwitzen, oder Musik, die man nicht mag. Eine Party ist eine Ansammlung konkreter, unvorhersehbarer Situationen. Und genau deshalb beginnt der Abend nicht mit dem Kartenkauf, sondern eigentlich Wochen vorher mit einem Gespräch.
Stefane und Tatjana wollten einen „neuen Anlauf“. Bei mir beginnt der ganz unsexy: am Flipchart. Ich schreibe Fragen auf. Fragen, die das Kopfkino erden. Welche Art von Party soll es sein? Mit welcher Idee gehen Sie dorthin? Wollen Sie nur gucken – oder auch anfassen? Wollen Sie mit jemand anderem Sex haben? Darf der Partner mit jemand anderem Sex haben?
Dann lasse ich beide schreiben. Getrennt voneinander. Das ist entscheidend. Nur so traut sich jeder, ehrlich zu sein, ohne auf die Reaktion des anderen zu schielen. Paare können danach klar erkennen, wo sich die Vorstellungen decken – und wo nicht.
Das Ergebnis bei Stefane und Tatjana war spannend: Stefane konnte sich vorstellen, andere Frauen anzufassen. Aber er wollte keinen Sex. Tatjana wollte auch keinen Sex mit anderen. Allerdings auch nicht anfassen. Sie wollte am liebsten nur gucken. Tatjana hatte also andere Bedürfnisse als Stefane. Und andere Grenzen. Die sie eigentlich ziemlich unmissverständlich ausgedrückt hatte. Doch dann passierte das, was ich oft beobachte: Die Verhandlungen begannen.
„Wirklich nur anschauen?“, hakte Stefane nach. „Ich würde ja keinen Sex haben. Einfach nur anfassen.“
Tatjana zögerte. Dann kam ein vorsichtiges Nein: „Hm. Eigentlich eher nicht.“
„Aber überleg mal“, sagte Stefane. „Warum sollten wir auf eine Sexparty gehen, wenn wir nur gucken? Dann könnten wir ja genauso gut zuhause Pornos schauen.“
Sanfte Überredungsstimme bei ihm. Nachdenkliches Schweigen bei Tatjana. Blicke hin und her. Und dann, Tatjana: „Okay. Aber wirklich nur anfassen.“
In solchen Momenten drücke ich die Stopptaste. Was hier passiert, ist keine Konsens-Aushandlung. Sondern Überredung. Und Überredung hat ein enormes Potenzial für Grenzüberschreitung – wenn sie nicht schon selbst eine ist. Wer überredet, sieht die Grenze des anderen nicht. Oder er sieht sie und akzeptiert sie nicht. Jemand wird bedrängt. Stefane überschreitet Tatjanas Grenze – ob er will oder nicht, ob es böse gemeint ist oder nicht, spielt keine Rolle. Die Botschaft ist: „Ich höre deine Grenze, aber sie gefällt mir nicht. Bitte verschieb sie für mich.“
Das hat nichts mit positiver Offenheit zu tun. Es macht die Beziehung eng. Einer will was, und die andere Person soll sich fügen.
In meiner Praxis-Welt sind es eher Frauen, die ihre eigenen Grenzen verschieben. Für ihren Mann. Männer stehen in der Beratung viel vehementer für ihre Bedürfnisse ein. Die Forschung belegt das: Frauen machen häufiger als Männer sexuelle Zugeständnisse. Sie machen bei sexuellen Aktivitäten mit, die sie sich nicht wirklich wünschen. Viele Frauen tun das, um die Harmonie zu wahren oder den Partner nicht zu enttäuschen. Aus einem klaren „Nein“ wird ein wackeliges „Na gut“. Die Teilnehmerin einer US-Studie[1] beschreibt das so: „Ich mache mit, auch wenn ich mich eigentlich nicht danach fühle.“
In so einem Moment ist es hilfreich, einen Schritt zurück zu gehen. Weil Sex nur dann Sex ist, wenn er konsensuell stattfindet. Alles andere ist kein Sex – weil Grenzen überschritten werden.
Sex ist einfach besser, wenn er einvernehmlich ist. Wenn Paare ein klares gemeinsames „Ja“ finden – und eben kein halbherziges „Na gut“.
Ich habe Tatjana gefragt, woher ihre Meinungsänderung kam. Gab es ein neues Argument? Eine Veränderung? Eine Erklärung? Nein. Sie hatte lediglich ihre Grenze verschoben, damit Stefane zufrieden war. Einfach nur für ihn. Ohne es selbst zu wollen.
Als Stefane das realisierte, war er erschrocken. Er wollte seine Frau nicht überfahren. Er wollte Spaß mit ihr, keinen Stress.
Was also tun? Die Sexparty, wegen der sie eigentlich gekommen waren – war das noch eine Option? Oder ein No-Go?
Ich habe die beiden gebeten, nochmal auf ihre Zettel zu schauen. Weil da die Antwort stand: Beide fanden „Zuschauen“ gut. Sie hatten einen kleinsten gemeinsamen Nenner.
Fremden Menschen beim Sex zuzusehen – das fanden beide reizvoll. Und sie waren sich einig, dass sie das gern in Wirklichkeit erleben wollten. Um danach in Ruhe zu überlegen, wie sie es auf der Sexparty fanden – und ob sie irgendwann einen Schritt weiter gehen würden.
JETZT SIND SIE DRAN
Entwerfen Sie ein „Wunsch-Drehbuch“ im Kopf: Überlegen Sie sich etwas, das sie gern ausprobieren möchten. Es kann etwas Sexuelles sein – oder etwas aus einem anderen Lebensbereich, zum Beispiel Campen. Schließen sie die Augen. Wie ist Ihre Rolle im Drehbuch? Was genau machen Sie? Was sollte in Ihrem Film auf gar keinen Fall passieren? Entdecken Sie konkret, was sie möchten – und wo Ihre Grenzen sind.
[1] Debby Herbenick, Margo Mullinax, and Kristen Mark: Sexual Desire Discrepancy as a Feature, not a Bug, of Long Term Relationships: women’s self-reported Strategies for Modulation Sexual Desire. 2014. https://www.academia.edu/27338698/Sexual_Desire_Discrepancy_as_a_Feature_Not_a_Bug_of_Long_Term_Relationships_Womens_Self_Reported_Strategies_for_Modulating_Sexual_Desire

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